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Früher, als die Mauer noch sichtbar war und für manche Sibirien schon knapp hinter der Grenze begann, saß ich in Leipzig oft in der Deutschen
Bücherei und betrachtete sinkende Computerpreise und steigende Werbefluten. Das "Genie" war noch für 1500 DM zu haben, und die komplette Datenverarbeitungsanlage für Klein- und Mittelbetriebe faßte 1,4 MByte.
Gelassenheit war angesagt. Man wußte, daß etwas Neues beginnt. Aber man konnte dies nur auf dem Papier verfolgen. Mangels Westverwandtschaft blieb nur der Papa, der mit dem Gewandhausorchester in die Welt zog.
Dieser mußte nun von seinem spärlichen Taschengeld meine unerfüllbaren Wünsche realisieren. Und so gelang der Einstieg. Erst kam der 1-KByte-Taschenrechner, später im Paket die Schokoladentafel mit 4KByte RAM. Mit der
Homecomputer-Welle kam die Erkenntnis, möglichst schnell auf einen PC überzuwechseln. Doch da gab es Probleme. Zuerst brauchte man Geld und gute Geister, die die Kiste kaufen. Dann mußte diese irgendwie über die Grenze.
Diesseits und jenseits der Mauer begann folglich eine immense Betriebsamkeit. Schließlich war es so weit.
Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1987 kam mein erster PC per Auto nach Leipzig und stand endlich in meinem
Arbeitszimmer. Aber halt. Das war zu einfach. Der Computer durfte nicht einfach so geschenkt werden. Da gab es immerhin einen Zoll und keine Zollgenehmigung. Und privat durften nur Geräte bis 128 KByte Arbeitsspeicher
über die Grenze. Der Zoll versprach eine wohlwollende Prüfung, aber für die Genehmigung der Einfuhr von Geschenken war immerhin das Ministerium für Außenhandel zuständig, das wiederum in Berlin saß. Aber Berlin war weit
und die Messe kurz. Natürlich hätte man ihn einfach stehenlassen können, aber „aus dem Bauch heraus" entschieden wir uns für den korrekten Weg, nichts ahnend den „Schalck im Nacken" bzw. den „bösen Wolf vor
Augen". Es ging alles wieder zurück über die Grenze.
Nachfragen war nun die Devise. Was kann Teuflisches an einem Computer über 128 KByte sein? Gibt es ein Natur- oder Ministerratsgesetz gegen dessen
Verwendung für private wissenschaftliche Zwecke? Eingaben- und beschwerdenerprobt schrieb ich am 19.04.1987 nach Berlin an das ZK (Zentralkomitee) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und bekam am 28.04.1987
Antwort von der Abteilung 69, daß meine Angelegenheit geprüft werde. Telefonisch wurde ein Termin vereinbart. Und am 17.06.1987 fand ich mich um 10 Uhr nach Abgabe des Personalausweises in einem kahlen Raum der
Bezirksbehörde der Zollverwaltung der DDR ein, wo ein höherrangiger Uniformierter ins Zimmer trat und mir innerhalb von 15 Minuten offerierte, daß ich einen Personalcomputer einführen dürfe. Es könne auch etwas Größeres
sein.
Dafür hatte ich zwar gar kein Geld, aber immerhin, der Weg war frei. Nun mußten gutmütige Menschen in Wiesbaden, Heidenheim und München die Einzelteile durch die Gegend kutschieren. Auf der Elektronik-Börse
in München waren inzwischen meine ersten Computer-Collagen ausgestellt worden (privat und ohne Förderung des deutsch-deutschen Kulturaustausches). Die Veranstalter setzten prompt noch das zweite Laufwerk ein und
organisierten preiswert einen Monitor, dazu die Software, die heute schon an die Zeit der Saurier erinnert.
Am 30.12.1987 war es dann wieder soweit. Der Grenzdurchbruch gelang mit zwei großen Paketen, allerdings
unter Mitwisserschaft der Zollverwaltung. Die Schlacht um die aufwärts-kompatiblen Bytes konnte beginnen. Unverwüstlich entstanden so die ersten ASCII-Texte. Vom Fachtext bis zu Briefen an das Bundesministerium für
innerdeutsche Angelegenheiten, von der Satire bis zu Anfragen an Bundestagsabgeordnete und Nobelpreisträger – einfach, sparsam, effizient. Wissen um Wissen wurde ausgebaut. Jede greifbare Software, und war sie noch so
schwarz kopiert, wurde auf Brauchbarkeit geprüft. Und während schon vor dem Herbst 1989 Kurt Biedenkopf im Großen Saal des Leipziger Gewandhauses ein Konzert genoß, saß ich im dortigen Archiv, grübelnd über Datenbanken
und DTP und assoziierend bei den Klängen des Gewandhausorchesters über den Lautsprecher.
Seither sind die Trends geblieben. Die Programme werden immer größer, die Schaltungen immer kleiner. Die Versionen von
Betriebssystemen werden ausgefeilter, dieVersionen von Deutschland stehen auch weiterhin vor unvorhersehbaren Veränderungen. Nur meinen erster PC füllt das nicht mehr aus. Das ist sein Schicksal. Er trägt inzwischen
eine gewisse Würde. Seine Heimstatt ist das Wissenschaftszentrum Leipzig, und in seinem Zimmer können ihn nur noch wenige bedienen – ohne Festplatte und mit 256 KByte Arbeitsspeicher. Selbst die rumänischen
Einbruchskolonnen, die inzwischen zweimal über das Haus herzogen, ließen ihn unangetastet stehen. . |